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Pleite, Pech und …Abschlussarbeit

Wo Theorie und Praxis aufeinandertreffen, kann erfahrungsgemäss eine Menge schiefgehen. Wir zeigen Ihnen, wie Sie in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit mit einem misslungenen Projekt am besten umgehen.

Wer ist der Sündenbock?

Machen Sie in Ihrer Bachelorarbeit oder Masterarbeit niemals Unternehmen, Projekte, Projektpartner oder Personen schlecht, denn Sie könnten schon morgen Ihre Arbeits- oder Auftraggeber sein. Versuchen Sie stattdessen, neutral und sachlich zu begründen, weshalb ein geplantes Ziel nicht erreicht werden konnte. Zeigen Sie dem Leser auf, was wider Erwarten und Hoffen nicht funktioniert hat, denn auch das ist ein Resultat.

Schreiben Sie also anstatt «Da Herr Meier die Inkubationszeit von 7 Stunden nicht korrekt eingehalten hat, kann der Versuch nicht ausgewertet werden» besser «Die Substanz ABC konnte bereits bei einer verkürzten Behandlungsdauer von 5 Stunden die Anzahl der KbE um 23 % reduzieren .»

Verzichten Sie auf Verneinungen

Was mir mein 2-jähriger Sohn immer wieder zeigt, gilt auch für wissenschaftliche Arbeiten – eine Verneinung verstehen, ist nicht immer ganz trivial. Vor allem doppelte Verneinungen führen nicht selten zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen, die es zu vermeiden gilt.

Beispiel:
«Die Mikroorganismen RaB3 und RaC5 gehören nicht zu den Zellgruppen, die keine WA-Resistenz aufweisen»

«Der Einsatz von WA-Substanzen ist gegen Mikroorganismen wie RaB3 und RaC5 nicht unproblematisch»

Wer diese Sätze zweimal lesen musste, befindet sich in bester Gesellschaft. Beim Schreiben Ihrer Bachelorarbeit oder Masterarbeit sollten Sie sich deshalb auf einfache Verneinungen beschränken oder besser: Sachverhalte positiv formulieren!

«Die Mikroorganismen RaB3 und RaC5 sind WA-sensitiv.»

«Der Einsatz von WA-Substanzen gegen Mikroorganismen wie RaB3 und RaC5 ist problematisch»

Positiv formulierte Sätze sind anschaulicher, oftmals kürzer, hinterlassen beim Lesen ein gutes Gefühl und steuern zu einem besseren Verständnis Ihrer Arbeit bei – und das ist in jedem Fall nicht unerheblich!

So klappt’s mit dem wissenschaftlichen Schreiben

Die gute Nachricht vorweg: Wissenschaftliches Schreiben ist keine Wissenschaft für sich – auch wenn einige Fachtexte durchaus diesen Eindruck vermitteln. Es ist vor allem ein Handwerk, das sich erlernen lässt. Und glücklicherweise gibt es Regeln, die Ihnen helfen, Ihre akademischen Inhalte sprachlich angemessen zu formulieren.

Oberstes Gebot: Formulieren Sie objektiv und sachlich

Die zentrale Anforderung an wissenschaftliche Texte ist Objektivität. Es geht um Sachverhalte und faktenbasierte Darstellungen, nicht um persönliche Meinungen, Vorlieben und Wertungen. Daher ist es wesentlich, dass Sie so neutral und distanziert wie möglich schreiben. Alle Aussagen müssen nachvollziehbar und überprüfbar sein. Üblicherweise wird dabei eine unpersönliche Ansprache gewählt und auf die Ich-Form sowie Pronomen wie wir, man oder Sie (direkte Anrede des Lesers) verzichtet.

Bringen Sie es in einfachen Worten auf den Punkt

Eine gelungene Diplomarbeit, Bachelorarbeit oder Masterarbeit zeichnet sich keineswegs durch den übertriebenen Einsatz von komplizierten Begriffen und Formulierungen aus. Sie beeindruckt vielmehr dadurch, dass komplexe Sachverhalte in möglichst einfachen und leicht verständlichen Worten dargestellt werden. Verzichten Sie auf Fremdwörter oder Anglizismen, wenn es entsprechende deutsche Ausdrücke gibt. Demgegenüber sind die allgemein üblichen Fachwörter unersetzlich, zeigen Kompetenz und sollten häufig verwendet werden.

Verabschieden Sie sich von ungenauen Aussagen, Floskeln und Co.

Da es darum geht, klar und präzise zu formulieren, gilt es, auf Sätze im Konjunktiv mit könnte, sollte, müsste etc. zu verzichten. Floskeln bzw. Füllwörter (etwa, wirklich, durchaus etc.) sind ebenso überflüssig wie Übertreibungen (grossartig, unglaublich, extrem etc.). Auch Wortmonster, die häufig durch das Zusammensetzen von Substantiven entstehen (Chancenpotenzialanalyse, Bruttoinlandsproduktzuwachsrate) und die mehrfache Wiederholung der gleichen Wörter innerhalb weniger Zeilen sollten vermieden werden. Sie hemmen den Lesefluss, wirken ermüdend und sind zumeist inhaltlich schwer verständlich.

Klartext schreiben und Schachtelsätze vermeiden

Eine wissenschaftliche Arbeit soll ein Problem lösen sowie Fragestellungen beantworten und nicht selbst zum Rätsel werden. Ein einfacher, klarer Schreibstil ist kein Manko – im Gegenteil: Er ist die Basis für eine überzeugende und erfolgreiche Präsentation Ihrer Forschungsergebnisse. Ihre Argumentation ist wesentlich besser nachvollziehbar, wenn sie nicht von unübersichtlichen Schachtelsätzen verschleiert wird. Statt eines langen Satzes mit mehreren Nebensätzen bzw. Einschüben sollten Sie besser zwei oder mehrere bilden. Das erhöht die Lesefreundlichkeit und erleichtert es, Ihren Gedankengängen zu folgen.

Schreiben Sie abwechslungsreich und interessant

Formulieren Sie aktiv und attraktiv! Dafür sollten Sie, so oft es geht, Verben benutzen und sich einen aktiv beschreibenden Stil angewöhnen. Das macht Ihren Text anschaulich, interessant und ansprechend. Beispiele: messen statt eine Messung durchführen, erwägen statt in Erwägung ziehen oder ausführen statt zur Ausführung bringen. Dagegen wirkt der sogenannte Nominalstil mit seiner Anhäufung an überflüssigen Substantiven passiv, schwerfällig und unbeweglich. Zudem sind die Sätze meistens länger und die Lust am Lesen geht verloren. Eine aktive Schreibform mit vielen Vollverben ist lebendiger und kann die Leserschaft mitreissen. In der Regel ist der Inhalt so auch einfacher zu verstehen.